Bei dem maßgeblichen Ereignis im Jahre 2013 kam es, soweit ich das den Medien entnehmen konnte, zu einem durch Fahrlässigkeit begünstigten Unfallereignis. In Folge dessen hat eine junge Frau ihr Leben verloren. Das ist äußerst tragisch, passiert aber nicht nur im Tauchsport. Man stelle sich folgende Situation vor: ein Autofahrer parkt in einer Parkbucht und öffnet ohne nach hinten zu schauen die Tür. Dies bringt einen Fahrradfahrer zu Fall, der dann nach einem unglücklichen Sturz verstirbt. Rechtlich gesehen und auch in der Dramatik der Folgen für Opfer und auch den „Täter“ könnte man durchaus Parallelen zwischen diesen beiden völlig unterschiedlichen Ereignissen erkennen.

Bei dem Tauchunfall war es leider wohl so, dass mehrere einschlägige Minimalstandards (zu denen - zum Vergleich - beim Autofahren der Schulterblick gehört) nicht eingehalten wurden. Ein unterlassener Partnercheck vor dem Tauchgang machte es z.B. unmöglich, die gravierenden Mängel in der vom späteren Unfallopfer eingesetzten Ausrüstung zu bemerken. Weiterhin kam es unter Wasser zur Trennung des Tauchteams.

Niemand kann - weder im Straßenverkehr, noch beim Sport - den Anspruch auf jederzeitige Unfehlbarkeit erheben. Fahrlässigkeit passiert täglich und zum großen Glück aller Beteiligten bleibt diese sehr oft folgenlos. Dieses Glück hatten die junge Frau beim Tauchen und auch ihr Tauchpartner leider nicht. Das ist für beide schlimm und tragisch. Das Einzige was man machen kann, ist daraus zu lernen.

Und damit komme ich zum Kern:

Der Zeitungsartikel berichtet, dass es inzwischen am Lago Taucher geben soll, „die nur noch alleine tauchen, weil die Verantwortung für den Tauchpartner zu schwer wiegt.“

Aber ist dies nicht die falscheste aller möglichen Lehren, die man aus diesem schlimmen Ereignis ziehen kann? Eine junge Frau kam zu Tode, weil fahrlässig gehandelt wurde. Das hat ein Gericht zweifelsfrei festgestellt. Das grundlose Tauchen ohne Partner ist aber noch fahrlässiger. Man verzichtet damit auf eine zusätzliche Luftreserve, ein zusätzliches Paar Augen und Hände und auf mögliche Unterstützung des Partners bei Problemen. Wäre es nicht viel sinnvoller, als Lehre aus dem Unfall gerade die Einhaltung von Standards, gleichbleibend hohe Sorgfalt auch bei sich wiederholenden Routinevorgängen und gerade das verstärkte Beobachten und die noch intensivere Interaktion mit dem Tauchpartner zu üben? Wer jetzt hingeht und alleine taucht, verkennt: es gibt zwar keine Verantwortung für einen Tauchpartner. Aber es bleibt die Verantwortung gegenüber Familie und Freunden an der Wasseroberfläche. Was wiegt denn diese Verantwortung? Klar kann den Verunfallten selbst keiner mehr belangen. Die Schäden wie Pflegekosten, Verdienstausfall, Behandlungskosten usw. sind aber trotzdem da, fallen dann eben nur anderen zur Last. Was wiegt denn die Verantwortung gegenüber der Familie, wenn eine Lebensversicherung beispielsweise nicht leistet oder nur nach langem Prozess durch alle Instanzen, weil der ohne Partner unter Verletzung gängiger Standards vorgenommene Tauchgang als grob fahrlässig eingestuft wird?

Tauchen ist ein Teamsport. Die Interaktion, die nonverbale Kommunikation mit dem Partner ist Ausbildungsinhalt und Gegenstand des Trainings, das wir machen. Gerade die bewusste Übernahme von Verantwortung für andere (und das befriedigende Gefühl, dieser gerecht werden zu können) betrachte ich auch im Hinblick auf die vielen jugendlichen Tauchschüler unseres Vereins als essentiell. Wer tauchen will, muss Verantwortung übernehmen. Erst wenig und unter Aufsicht, dann kontrolliert immer etwas mehr, abhängig vom eigenen Können. Das ist ein Lernprozess und das hier Gelernte ist auf andere Lebenssituationen übertragbar. Nur so produziert man Sicherheit. Wem diese Verantwortung grundsätzlich „zu schwer wiegt“, der soll ich ein anderes Hobby suchen. Tauchen ohne Übernahme von Verantwortung ist vollkommen unmöglich.

Hier wurde für Fahrlässigkeit der höchste Preis gezahlt. Sich als Konsequenz daraus nun von weiteren Standards zu verabschieden und zu meinen, dadurch würde die Verantwortung leichter, ist wie der Versuch, ein Feuer mit Öl zu löschen. Der gegenteilige Weg wäre der Sache viel dienlicher.

Matthias Ewen

Tauchlehrer im

Sporttauchverein Hückelhoven

Leserbrief

Heinsberger Zeitung vom 25.01.2019